Bundesratswahlen: Der Wahltag

Dem Tag der Bundesratswahlen geht jeweils die „Nacht der langen Messer“ voraus. Bis spät in die Nacht treffen sich Parteimitglieder in verschiedenen Restaurants der Stadt Bern. Welche Partei trifft sich jeweils wo? Und in welchen Hotels verbringen die Bundesratskandidierenden die wenigen Stunden Schlaf bis zum grossen Tag? Wann geht es los im Bundeshaus? Und wie lautet das Tagesprogramm genau? Wir freuen uns, Sie quasi durch diese wichtige Nacht und den Tag zu führen.

«Die Nacht der langen Messer»: Die Parteien und ihre Treffpunkte in der Stadt Bern

In der Schweiz wird der Ausdruck seit der in letzter Minute von Felix Auer „orchestrierten“ Wahl Otto Stichs 1983 auch für die Nacht vor einer Bundesratswahl verwendet, weil bei umstrittenen Fällen oft bis kurz vor der Wahl Absprachen zwischen verschiedenen Parteien stattfinden und um einzelne Parlamentarierstimmen geworben wird. Vor allem in der Zeit vor der Mobiltelefonie sollen diese Aktivitäten teilweise bis spät in die Nacht in den Stammlokalen der verschiedenen Parlamentariergruppen über die Bühne gegangen sein.
Quellen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Nacht_der_langen_Messer, Stand: 20.8.2015
https://de.wikipedia.org/wiki/Felix_Auer, Stand: 20.8.2015
https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Stich, Stand: 20.8.2015

In der Bundesrats-Ersatzwahl vom 16. September 2009 wurde Didier Burkhalter (FDP) als Nachfolger für den zurücktretenden Pascal Couchepin (FDP) gewählt.
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Bundesratswahl_2009

Francesco Benini hat beschrieben, was in der Nacht davor geschah:

einige SVP- und FDP-Leute trafen sich im Restaurant Luce;

SP und andere trafen sich im Hotel Bern (Volkshaus);

Viele Bürgerliche und Medienschaffende waren in der Bellevue-Bar;

Andere Bürgerliche hielten sich im Hotel Bären auf;

Christophe Darbellay traf sich mit SP-Präsident Christian Levrat in der Spaghetti Factory Chindlifrässer;

Quelle: Francesco Benini, Die Nacht vor der Wahl. [Was in den Stunden vor der Bundesratswahl geschah], in:
NZZ am Sonntag 8. Jg, Nr. 38 vom 20. September 2009, Seiten 22-23 (pdf)
online: http://www.nzz.ch/aktuell/startseite/die-nacht-vor-der-wahl-1.3605070

Von Parlamentsmitgliedern oft besucht sind auch die Brasserie Chez Edy und das Café Fédéral, beide in unmittelbarer Nähe des Bundeshauses gelegen.

Dem Fünf-Sterne-Hotel Bellevue Palace hat die Zeitschrift Du das Heft Nummer 8 vom August 1998 gewidmet:
„Bern. Hotel Bellevue Palace. Dépendance der Macht“ (pdf), online: http://retro.seals.ch/digbib/view?pid=dkm-003:1998:58::2152

Weitere Quelle: Ron Hochuli, La nuit des longs couteaux, la seule, la vraie, in:
Le Temps, no. 2854 du 27 juillet 2007, page 7 (pdf)

Wikipédia : Nuit des Longs Couteaux (Suisse), (französisch) Stand 20.8.2015

Wo Bundesräte übernachten

Viele der 115 Schweizerischen Bundesräte haben im 5-Sterne-Hotel Bellevue Palace übernachtet. Quelle: Ruth Spitzenpfeil, Königinnen, Revolutionäre und 44 Bundesräte. Fast 50 Jahre lang hat Fritz Aegerter dafür gesorgt, dass die Schweiz vor ihren Gästen glänzt, in: Neue Zürcher Zeitung 235. Jg, Nr. 228 vom 2. Oktober 2014, Seite 22, online im kostenpflichtigen Archiv der NZZ: http://zeitungsarchiv.nzz.ch/neue-zuercher-zeitung-vom-02-10-2014-seite-22.html?hint=21652725.

HotelBellevuePalaceGS

Blick von Osten auf Bundeshaus und Hotel Bellevue Palace, Verlag: Gebrüder Wehrli 1913, NB / Graphische Sammlung, Signatur: EAD-WEHR-24721-B, http://www.helveticarchives.ch/detail.aspx?ID=256349)

Bevor Ueli Maurer am 10. Dezember 2008 in den Bundesrat gewählt wurde, hatte er als Nationalrat seit Jahren im Hotel Bären an der Schauplatzgasse 4 übernachtet.
Quelle: Ueli Maurer. Nun steigt er in die Hosen, in: Schweizer Illustrierte, Nr. 51 vom 15.12.2008, Seiten 16-20. Auch online: http://www.schweizer-illustrierte.ch/stars/nun-steigt-er-die-hosen

Andere Bundesräte logierten im Hotel Bern an der Zeughausgasse 9

HotelBernWikimedia

Quelle: Wikimedia Commons, Urheber: Benzsandra, CC BY-SA 3.0

oder im Hotel Schweizerhof am Bahnhofplatz 11

HotelSchweizerhof1914

Blick von Norden über den Bahnhofplatz auf das Hotel Schweizerhof, Verlag: Gebrüder Wehrli 1914, http://www.helveticarchives.ch/detail.aspx?ID=62872

Nicht zum Nachtwandeln: die Wandelhalle

Die Wandelhalle wird in den Jahren 2013 bis 2015 sorgfältig restauriert bzw. renoviert. Quelle: www.news.admin.ch

salle des pas perdus

Wandelhalle im Parlamentsgebäude, ca. 2008, Quelle: www.parlament.ch

«Tagwacht im Bundehaus»: Hausdienst, Parlamentsdienste, Weibel, Medienleute und die Parlamentsmitglieder beginnen zu arbeiten

Um 5.30 Uhr tritt Parlamentsweibel Charly Riesen seinen Dienst im Bundeshaus an.
Quelle: Christine Brand, Geheimnis-Hüter, in:
NZZ am Sonntag 8. Jg., Nr. 37 vom 13. September 2009, Seite 9 (pdf)
Auch online: http://www.nzz.ch/aktuell/startseite/geheimnis-hueter-1.3550389.

Der Bundessicherheitsdienst BSD, der für die Sicherheit im Parlamentsgebäude und die Zutrittskontrolle der Bundeshäuser zuständig ist, lässt die ersten ParlamentarierInnen eintreten
Quelle: www.fedpol.admin.ch.

Die Parlamentsdienste unterstützen das Parlament bei seiner Arbeit.

Das Rücktrittsschreiben wird verlesen

Zu Beginn einer Bundesratswahl wird das Rücktrittsschreiben des abtretenden Mitglieds der Landesregierung verlesen. Anschliessend würdigt der Nationalratspräsident dessen Wirken.

Das Beispiel des Rücktrittsschreibens (auf Französisch) von Bundesrat Paul Cérésole, abgedruckt in: Gazette de Lausanne et Journal suisse 76e année, no. 293 (11 déc.1875), p. 1.

lettredemission ceresole

Bern, den 7. Dezember 1875.

An die Vereinigte Bundesversammlung:

Sehr geehrter Herr Präsident,
Sehr geehrte Mitglieder der
Bundesversammlung

Ich habe die Ehre, Ihnen kundzugeben, dass ich am 1. Januar 1876 die Aufgaben des Direktors der Simplon-Bahngesellschaft übernehmen werde und deshalb das Mandat zurück in Ihre Hände gebe,

das Sie mir am 7. Dezember 1872 freundlicherweise zum zweiten Mal verleiht haben, und dass ich auf jede Kandidatur bei der nächsten Erneuerung des Bundesrats verzichte.

Das hohe Amt verlassend, das zu erfüllen Sie mir anvertraut haben, präsentiere ich Ihnen, sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Mitglieder der Bundesversammlung, den Ausdruck meiner respektvollen Dankbarkeit, und die Versicherung meiner vorzüglichen Hochachtung.

(Gezeichnet) P. Cérésole.

Auch bei der Bundesratswahl vom 14. Dezember 2011 wurde als erstes das Rücktrittsschreiben der zurücktretenden Magistratin verlesen. Anschliesend würdigte der Ratspräsident die abtretende Bundesrätin:

Rücktritt von Frau Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey
Démission de Mme Micheline Calmy-Rey, présidente de la Confédération

Präsident (Altherr Hans, Ständeratspräsident): Wir verabschieden uns zunächst von Frau Bundespräsidentin Calmy-Rey. Ich bitte den Generalsekretär, das Schreiben von Frau Bundespräsidentin Calmy-Rey vom 7. September 2011 zu verlesen.

Lanz Christoph, Generalsekretär der Bundesversammlung, verliest folgendes Rücktrittsschreiben:
Lanz Christoph, secrétaire général de l’Assemblée fédérale, donne lecture de la lettre de démission suivante:

Monsieur le Président,
J’ai l’honneur de m’adresser par votre intermédiaire à l’Assemblée fédérale pour l’informer de ma décision de ne pas me présenter à la réélection au Conseil fédéral le 14 décembre prochain.
Mes collègues du Conseil fédéral ainsi que la Chancelière de la Confédération seront informés officiellement de ma décision lors de la séance du Conseil fédéral du 7 septembre 2011, décision qui sera rendue publique le même jour.
Je saisis d’ores et déjà cette occasion pour remercier les Chambres fédérales de la confiance qu’elles m’ont témoignée durant ces années d’activité au sein du Conseil fédéral.
Je vous prie d’agréer, Monsieur le Président, l’assurance de ma considération distinguée.
Micheline Calmy-Rey, présidente de la Confédération“

(Quelle: Amtliches Bulletin – Die Wortprotokolle von Nationalrat und Ständerat. Diese Amtsdruckschrift erscheint seit 1891. Sie ist in der NB vorhanden, kann aber auch online konsultiert werden unter www.parlament.ch.

«Die fünf gewählten Bundesräte, die das Amt nicht antraten»

Quelle: www.admin.ch, Bundesräte, die die Wahl ausschlugen

Charles Estoppey (PLR, VD, 15.2.1820 – 30.8.1888, gewählt am 18.12.1875)

Karl Hoffmann (PLR, SG, 2.2.1820 – 26.7.1895, gewählt am 22.2.1881): lehnte die Wahl „aus familiären Gründen“ ab.

Francis Matthey (PSS, NE, geboren am 17.7.1942, gewählt am 3.3.1993)

Antoine Louis John Ruchonnet (PLR, VD, 28.4.1834 – 4.9.1893, gewählt am 10.12.1875):
Nationalrat Heer reiste am Mittwoch, 15. Dezember 1875 nach Lausanne, um Ruchonnet zur Annahme der Wahl zu bewegen – vergebens.

Johann Jakob Stehlin, der erste von fünf Gewählten, der die Wahl zum Bundesrat ablehnte (PLS, BS, 20.1.1803 – 18.12.1879, gewählt am 11.7.1855)

«Die Annahme der Wahl»

Elisabeth Kopp, die erste Frau, die in den Bundesrat gewählt wurde, nimmt ihre Wahl an. Berühmt geworden ist das Bonmot in ihrer Antrittsrede: „Meine Damen und Herren, ich kann Ihnen aus naheliegenden Gründen nicht versprechen, im Bundesrat meinen Mann zu stellen.“, Radio DRS, Echo der Zeit vom 2.10.1984
Tondokument,
auch in Memobase, http://www.memobase.ch/#document/SRF-BE_MG_BD17563_TRACK01.

Es gehört zu den zivilreligiösen Ritualen einer Bundesratswahl, dass die gewählten Mitglieder des Bundesrates vor der Vereinigten Bundesversammlung einen Eid oder ein Gelübde leisten. Wer sich weigert, den Eid oder das Gelübde zu leisten, verzichtet auf sein Amt.

Der Eid lautet: «Ich schwöre vor Gott dem Allmächtigen, die Verfassung und die Gesetze zu beachten und die Pflichten meines Amtes gewissenhaft zu erfüllen.»
Das Gelübde lautet: «Ich gelobe, die Verfassung und die Gesetze zu beachten und die Pflichten meines Amtes gewissenhaft zu erfüllen.» Quelle: Art. 3 Parlamentsgesetz
SR 171.10.

Nach der Leistung des Eides bzw. Gelübdes geleiten Bundesratsweibel die Gewählten zum „Salon du Président“ im Bundeshaus West. Organisiert sind die Weibel in einer eigenen Vereinigung Quellen:
André Holenstein, Artikel „Weibel“, HLS
Website der Weibelvereinigung

Die Begrüssung im Salon du Président

Nach der Wahl trifft sich der Bundesrat im Salon du Président für die gegenseitige Begrüssung der Gewählten und die ersten Fotoaufnahmen des neu zusammengesetzten Gremiums.

SalonduPresident
BR

Bundesratsfoto. Der Schweizerische Bundesrat, 2015, Quelle: www.admin.ch

Der Bundesplatz als « Politbühne » der Schweiz

Der Bundesplatz ist ein besonderer Platz der Schweizer Politik. Einst hiess er „Parlamentsplatz“, seit 1909 trägt er seinen heutigen Namen. Seit 1945 und mit dem zunehmenden Auto-Verkehr diente er als Parkplatz. Nach mehreren verworfenen Projekten wurde der Platz 2004 neu gestaltet; seither ist das Parkieren darauf verboten.
Quelle: http://www.bern.ch/leben_in_bern/freizeit/reisen/bundesplatz.bern.ch/der_bundesplatz

Bundesplatz

Das Bundeshaus und sein Platz, als dieser noch zum Parkieren von Autos diente

Quelle: NB, Graphische Sammlung, Eidgenössisches Archiv für Denkmalpflege (EAD): Archiv Photoglob-Wehrli

Der Bundesplatz ist heute ein einmaliger Ort, an dem die unterschiedlichsten Aktivitäten stattfinden, seien sie kultureller, sozialer, wirtschaftlicher, touristischer oder politischer Art. Seit seiner Entstehung war er die Bühne einer grossen Zahl von politischen Kundgebungen. Das gibt ihm eine besondere Stellung: der Bundesplatz lädt die gesellschaftlichen Gruppen dazu ein, ihre Meinung öffentlich kundzutun.

Kundgebung

An der Kundgebung vom 25 April 1987 auf dem Bundesplatz forderten Tausende die Stilllegung aller Atomkraftwerke.

Quelle NB, Graphische Sammlung: Fotosammlung Thema Politik

„Sonne scheint auf dem Bundesplatz – Symbol der Frauen kehrt zurück“

Unter diesem Titel berichtete die Schweizerische Depeschenagentur (SDA) über eine Kundgebung von Frauen am Mittwoch, 22. September 2010 auf dem Bundesplatz. Daran teilgenommen hatte auch Ruth Dreifuss, die wieder ihre symbolträchtigen Sonnen-Ohrringe trug.