Der Gotthard in der Geschichtsschreibung – Aufstieg und Fall eines Mythos

Die grosse Begeisterung der Schweizer Bevölkerung über die Eröffnung des Gotthard-Basistunnels, des längsten Eisenbahntunnels der Welt, deutet es an: Der Gotthard ist ein besonderer Berg. Bei der Eröffnung des nicht minder wichtigen Lötschberg-Basistunnels im Jahr 2007, auch er Teil der Neat, der Neuen Eisenbahn-Alpentransversale, fielen die Feierlichkeiten viel bescheidener aus. Woher kommt die herausragende Bedeutung des Gotthards, wieso gilt ausgerechnet er als der Schweizer Berg schlechthin – obschon er vielmehr ein Pass ist und man, anders als beim Matterhorn, kein prägnantes Bild von ihm im Kopf hat? Wieso verkörpert der Gotthard die Schweiz?

Der Gotthard besitzt mythische Qualitäten, doch noch nicht lange. Der Gotthard-Mythos nicht viel älter als hundert Jahre. Er ist im Zuge der Nationenbildung der Schweiz entstanden: Im Jahr 1900 wurde er vom deutschen Mittelalter-Historiker Aloys Schulte begründet. Tief in das Schweizer Kollektivbewusstsein eingegraben hat den Gotthard-Mythos dann die Geistige Landesverteidigung. Die Geschichtsschreibung hat indes nicht nur zur Konstruktion, sondern auch zur Dekonstruktion des Gotthard-Mythos beigetragen; zu nennen sind etwa die Werke von Guy Marchal, Jean-François Bergier und Jon Mathieu. Den Stein ins Rollen brachte Fritz Glauser 1979 mit dem Nachweis, dass der Gotthardpass im Mittelalter keine zentrale Rolle für die Eidgenossenschaft spielte. Der Brenner und die Bündnerpässe waren wirtschaftlich viel wichtiger. Heute versuchen Historiker und andere Geisteswissenschaftlerinnen, aus dem schwindenden Mythos Stoff für neue «Narrative» zu gewinnen.

Dieses e-Dossier stellt fünf historiographische Publikationen vor, die sich im 20. und 21. Jahrhundert mit dem Gotthard befasst haben. Sie zeugen vom Aufstieg wie vom Niedergang des Gotthard-Mythos.

Der Autor
Dieses e-Dossier wurde im Auftrag der NB vom Historiker und Wissenschaftsjournalisten Urs Hafner recherchiert und verfasst.

1900. Aloys Schulte: Die Gründung

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Aloys Schulte, Geschichte des mittelalterlichen Handels und Verkehrs zwischen Westdeutschland und Italien, 1900. Titelseite.

Im Jahr 1900 veröffentlicht der deutsche Archivrat und Mediävist Aloys Schulte ein zweibändiges, über tausend Seiten zählendes Werk: Geschichte des mittelalterlichen Handels und Verkehrs zwischen Westdeutschland und Italien mit Ausschluss von Venedig. Über zehn Jahre hat er an dem Buch gearbeitet, das trotz dem sperrigen Titel ein ökonomischer Erfolg wird. Im Vorwort gibt der Autor seiner grossen Erschöpfung Ausdruck: «Mit einiger Resignation nehme ich von dem Buche Abschied. Es wird mir genügen, wenn es der Forschung auf diesem weiten Felde der Handelsgeschichte einen neuen Impuls giebt.»

Das tut das Werk, und zwar nicht nur auf dem Gebiet der Wirtschaftsgeschichte. Es begründet gar einen neuen Schweizer Mythos. Aloys Schulte kommt nämlich zum Schluss, dass im Mittelalter die wichtigste Verbindung zwischen Nord und Süd, zwischen Deutschland und Italien, über den Gotthard lief. Zustande gekommen sei sie wahrscheinlich um 1220 dank dem geschickten Schmied von Ursern, der in der Schöllenenschlucht die «stiebende Brücke» angelegt habe. Kaum sei die wirtschaftlich bedeutsame Passage eröffnet gewesen, hätten sich Grossmächte und Einheimische darum gestritten. Aus diesen Konflikten sei 1291 der eidgenössische Bund gegen Habsburg entstanden, der sich 1315 mit der Schlacht von Morgarten etabliert habe. So sei aus dem Passweg, resümiert Schulte, «ein Passstaat» erwachsen, «die Schweiz, deren Vater nicht der sagenhafte Tell ist, sondern der Mann, der die stäubende Brücke ersann und ausführte!»

Damit liegt der Gotthard-Mythos in seinen Grundzügen vor. Er besagt, dass der Gotthard die Entstehung der Eidgenossenschaft begünstigt und quasi die Bühne für deren Formierung geboten habe. Es fehlen allerdings Wilhelm Tell und mit ihm der eidgenössische Freiheitswille. Die Eidgenossenschaft verdankt sich nach Schulte letztlich globalen wirtschaftlichen Bedürfnissen. Diese Darstellung konnte man als Provokation auffassen. Der Zürcher Historiker Karl Meyer sollte dann 1912 Wilhelm Tell und das Konzept der Willensnation Schweiz in den Gotthard-Mythos einführen.

1948. Gonzague de Reynold: Die metaphysische Überhöhung

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Ein Blick in das Tiefmagazin der NB, wo wir unsere Millionen von analogen Dokumenten erhalten. Die hier besprochene Publikation dürfen wir aus urheberrechtlichen Gründen leider nicht abbilden.

Der Freiburger Patrizier und Rechtskonservative Gonzague de Reynold hat sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wiederholt mit dem Gotthard beschäftigt. Wie der Text Le Saint-Gothard et le Val d’Urseren andeutet, der in dem 1948 erschienenen Buch Cités et pays Suisses» abgedruckt ist, hat der Geschichtsschreiber die Landschaft des Gotthards sogar zu Fuss erkundet. Er stösst dabei auf eine Natur, die er in ihrer Wirkung auf die Menschen metaphysisch überhöht. Die Menschen, die den Gotthard bewohnen, sind irgendwie auch Gotthard.

Der Gotthard, schreibt de Reynold, sei zwar nicht der höchste Berg der Schweiz, habe aber eine grosse geographische, politische, militärische und wirtschaftliche Bedeutung. Schon im 13. Jahrhundert habe der Pass Rom, Florenz und Mailand mit Basel, dem Rhein und den Niederlanden verbunden – de Reynold hat seinen Aloys Schulte gelesen. Auf dem Gotthard, so de Reynold, spüre man die nationale Energie: «A rencontrer sur la route un officier qui revient d’une reconnaissance, sans sabre, la piolet à la main, la lorgnette à la ceinture, la corde enroulée autour des reins, on évoque un camp retranché dans le Caucase ou l’Himalaya, ou plutôt l’oppidum d’une légion romaine.»

Im Gotthard sieht Gonzague de Reynold nichts weniger als den Ursprung Europas und die christlichen und kulturellen Werte des Heiligen Römischen Reichs aufbewahrt. Er träumt von der Wiederkunft dieses alteuropäischen Reichs. Die Eidgenossenschaft habe die Aufgabe, dessen Schatz zu hüten. De Reynold ist mit dem katholischen Zuger Bundesrat Philipp Etter befreundet, dem Architekten der Geistigen Landesverteidigung. Die Ansichten des Freiburgers fliessen in die magistratischen Überlegungen ein, wie die Schweiz den Zweiten Weltkrieg überstehen soll. Etter wie de Reynold favorisieren eine altständische, korporatistische, christlich-autoritäre Gemeinschaft. Dieses Ziel verfolgt auch der im Zug der Geistigen Landesverteidigung entstandene «Gotthardbund». Mitglied ist unter anderen Gonzague de Reynold.

1979. Fritz Glauser: Die Relativierung des Transits

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Jean-Francois Bergier (Hrsg.), Geschichte der Alpen in neuer Sicht, 1979. Titelseite.

Seit den Arbeiten von Aloys Schulte und anderen Historikern gilt bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts als erwiesen, dass der Gotthardpass im Spätmittelalter die zentrale Handelsroute zwischen Norden und Süden gewesen sei. Diese Ansicht wird durch einen Aufsatz stark relativiert, den der Historiker Fritz Glauser 1979 in dem von Jean-François Bergier herausgegebenen Band Geschichte der Alpen in neuer Sicht unter einem unscheinbaren Titel publiziert: Der Gotthardtransit von 1500 bis 1660. Seine Stellung im Alpentransit (Seiten 16 bis 52).

Akribisch untersucht Fritz Glauser die Transportmengen im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen alpenquerenden Transitverkehr. Sein überraschender Schluss: Der Gotthardpass habe im Mittelalter nur eine untergeordnete Rolle gespielt und im Spätmittelalter sei der Brenner viel wichtiger gewesen. So seien über diesen jährlich 4500 Tonnen, über den Gotthard dagegen nur 170 Tonnen Güter transportiert worden. Der Verkehr über die Bündner Pässe sei in der Frühneuzeit viel grösser gewesen. Von den Innerschweizer Kantonen Uri und Luzern zeichnet Glauser ein gänzlich unheroisches Bild: Sie hätten zusehen müssen, wie sich der Verkehr an ihnen vorbei entwickelt habe, weil sie keinen Einfluss auf diesen hätten nehmen können. Zudem seien sie untereinander zerstritten gewesen. Uri habe gejammert, Luzern Ordnungen erlassen, aber das Grundübel, nämlich die veraltete Transportorganisation, die zu vielen Verzögerungen geführt habe, hätten sie nicht beseitigt.

Nach Fritz Glauser also wird die wirtschaftspolitische Bedeutung des Gotthards im Mittelalter massiv überschätzt. Daraus lässt sich der Schluss ziehen – was Glauser selber nicht tut –, dass auch die staatenbildende Bedeutung des Gotthard überschätzt wird. Er kann für die Entstehung der Eidgenossenschaft nicht die Rolle gespielt haben, die ihm Aloys Schulte und andere zugedacht haben. Der nationalstaatliche Gotthard-Mythos fängt zu bröckeln an.

2008. Judith Schueler: Die Bedeutung der Bahn

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Judith Schueler, Materialising identity: The co-construction of the Gotthard Railway and Swiss national identity, 2008. Titelseite.

Der Gotthard ist ein Berg, ein Pass, ein Tunnel – und eine Bahn. Als 1882 die Gotthardbahn mit ihrem fünfzehn Kilometer langen Tunnel eröffnet wird, ist die internationale Begeisterung über das technische Wunderwerk gross. In der Schweiz fallen die Reaktionen indes gemischt aus: Einerseits ist man stolz auf die Wunderbahn, die zur europäischen Zivilisation beitrage, andererseits aber befürchtet man einen Verlust an Identität, weil nun die Welt ungehemmt ins Innerste der Schweiz ströme. Legendär sind die schwarzen Fahnen, die Urner Transporteure anlässlich der Eröffnung der Bahn an den Fenstern aushängen. Sie fürchten um ihr Gewerbe und ihre Existenz.

In der Mitte des 20. Jahrhunderts indes ist das verbreitete Bild der Gotthardbahn nur noch positiv – und es ist vor allem nationalisiert, wie die holländische Historikerin Judith Schueler in ihrem 2008 erschienenen Buch The co-construction of the Gotthard Railway and Swiss national identity nachweist. Die umstrittenen und die internationalen Aspekte der Gotthardbahn – die vor allem aus Südeuropa kommenden Arbeiter, der Staatsvertrag, den die Schweiz mit Italien und Deutschland abschloss, die internationale Finanzierung – sind in der öffentlichen Wahrnehmung zurückgedrängt worden: Die Gotthardbahn gilt nun als durch und durch schweizerisch.

Wie Judith Schueler zeigt, werden das Wesen der Schweiz und die schweizerische Identität mit der Erzählung von der technischen Meisterleistung verschmolzen. Die Bahn schiebt quasi den Berg in den Vordergrund. Sie wird in den Gotthard-Mythos integriert und trägt so zu dessen Popularisierung bei. Das lässt sich ganz praktisch zeigen: Aloys Schulte, der deutsche Begründer des Gotthard-Mythos, der für sein grosses Buch mehrmals die oberdeutschen Archive aufsuchte, war ein begeisterter Gotthardbahn-Fahrer. Mit ihrer Studie relativiert Schueler den Gotthard-Mythos weiter.

2016. Boris Previšić: Das narrative Potenzial

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Boris Previšić (Hrsg.),Gotthardfantasien. Eine Blütenlese aus Wissenschaft und Literatur, Baden, hier und jetzt, 2016. Titelbild.

Der Gotthard-Mythos wird Anfang des 20. Jahrhunderts von der Geschichtswissenschaft geprägt. Bald schon hält er, vor allem über die Ideologie der Geistigen Landesverteidigung und die Popularität der Gotthardbahn, in das Schweizer Nationalbewusstsein Einzug. Ab den 1970er Jahren wird der Mythos sukzessive dekonstruiert, wiederum von der Geschichtswissenschaft, die nachweist, dass der Gotthardpass im Spätmittelalter keine grosse wirtschaftliche Bedeutung besass. Dennoch hat der Gotthard in der Öffentlichkeit nach wie vor eine herausragende Stellung inne.

Heute ist der Gotthard für die Geschichtswissenschaft wie für die anderen Geisteswissenschaften ein – kontextualisierter – Berg unter anderen Bergen. Das hält die Wissenschafter indes nicht davon ab, sein mythisches Potenzial kreativ zu nutzen, «Sinnangebote zu konstruieren» und «Perspektiven zu eröffnen». So formuliert der im Mai 2016 erschienene Sammelband Gotthardphantasien. Eine Blütenlese aus Wissenschaft und Literatur, den der Literaturwissenschafter Boris Previšić herausgegeben hat. Der Band bietet eine Fülle von Untersuchungen zu verschiedenen Aspekten des Gotthards: zur Gotthardpost und -bahn, zum russischen General Suworow, der am Gotthard um 1800 gegen Napoleons Truppen kämpfte, zum Réduit, zu Goethe, der auf dem Pass oben jeweils umkehrte, und natürlich zum Gotthard-Mythos.

Der Titel «Gotthardfantasien» ist mindestens doppeldeutig: Er bezieht sich auf die ältere phantastische Überhöhung des Gotthards und zugleich auf dessen heutiges gedankenstimulierendes Potenzial, aus dem neue «Narrative», wie der modische Begriff lautet, abzuleiten sind. Dass diese neuen Geschichten jenseits des nationalgeschichtlichen Deutungsrahmens erzählt werden, der um 1900 von der Geschichtsschreibung gezimmert worden ist, versteht sich von selbst. Der Gotthard-Mythos ist dekonstruiert, aber seine Geschichte ist nicht zu Ende.

Quelle

Boris Previšić (Hrsg.), Gotthardfantasien. Eine Blütenlese aus Wissenschaft und Literatur, Baden, hier und jetzt, 2016.