Friedrich Dürrenmatt und die Kindheit

Der grosse Friedrich Dürrenmatt mass dem kleinen Friedrich Dürrenmatt eine wichtige Bedeutung bei. Er wollte die «Schöpferkraft des Kindes» ein Leben lang bewahren und verband die Welt seiner Kindheit mit dem Kosmos seines Werkes: «Die Kornfelder und die Gänge im Tenn der Bauernhäuser wurden mir durch die Sage vom Minotaurus, die mir mein Vater erzählte, zum Labyrinth, und so war mir das Bild des Labyrinths schon vertraut, als ich noch im Dorf lebte.»

Als Kind zeichnete Dürrenmatt «wie besessen» und brachte die vielen Eindrücke fantasievoll zu Papier: «Ich war umstellt von Geschichten. Und ich versuchte dann selbst zu erzählen, aber in Folgen von Bildergeschichten; ich habe gezeichnet, was ich zu erzählen hatte.»

Der Ursprung der Motive

Friedrich Dürrenmatt wurde 1921 in Konolfingen im bernischen Emmental geboren. Sein Vater, der Dorfpfarrer, machte ihn mit den griechischen Sagen vertraut, während ihm die Mutter oft biblische Geschichten erzählte.

Dürrenmatt

Friedrich Dürrenmatt (F.D.) um 1923.

PlanDürrenmatt

Friedrich Dürrenmatt verortet den Ursprung vieler seiner literarischen Motive in seiner Kindheit, wie auf dem 1964 entstandenen «Plan» von Konolfingen zu sehen ist.

SchulheftDürrenmatt

«Ich habe mir ein Fernrohr gebastelt und leidenschaftlich in den Himmel geschaut» F.D., Schulheft, um 1930, CDN.

GuacheDürrenmatt

«Ich beschäftige mich seit der Kindheit im Dorf mit der Astronomie» F.D., Die Astronomen, 1952, Gouache, CDN.

Guache_Engel_im_All_Dürrenmatt

F.D., [Engel im All], 1984, Gouache, CDN.

Gouache_Im_Hades_Dürrenmatt

F.D., Im Hades, 1987, Gouache, CDN.

Die Welt steckt voller Bilder

Loge_Dürrenmatt

F.D., Loge, 1934, Stiftung Pestalozzianum.

Dürrenmatt beschreibt sich als Kind mit einer blühenden Fantasie. Stoff lieferten ihm zum Beispiel die germanischen Heldensagen. Nicht weniger faszinierten ihn aber auch die Menschen aus seinem persönlichen Umkreis. Er beobachtete sie genau und liess sich von diesen zu Charakterstudien inspirieren.

Seine Zeichnung Die Schweizer Schlacht gewann den ersten Preis – eine von damaligen Kindern äusserst begehrte Zenith-Uhr – des Schweizerischen Pestalozzi-Wettbewerbes und wurde im Pestalozzi-Kalender 1934 abgedruckt.

König_Laurins_Rosengarten_Dürrenmatt

F.D., Illustration zur Sage König Laurins Rosengarten, 1933, CDN.

Künhilde_Dürrenmatt

F.D., Künhilde und Dietleib bitten um Laurins Leben in: König Laurins Rosengarten, 1933, CDN.

Schlacht_Sankt_Jakob_Dürrenmatt

1934 gewinnt F.D. den Ehrenpreis des Pestalozzi-Wettbewerbs für die Zeichnung Die Schlacht bei Sankt Jakob.

Köpfe_Dürrenmatt

F.D., Kopf- und Personenstudien, 1935, CDN.

Die Jugend im Labyrinth

Das in Dürrenmatts Werk zentrale Thema des Labyrinthes begleitete ihn seit seiner Kindheit. In der dörflichen Umgebung waren es die grossen Kornfelder und die verwinkelten Bauernhäuser, die er mit der Welt der griechischen Sagen, die ihm sein Vater erzählte, verband. Den Umzug von der vertrauten Welt des Dorfes in die Stadt wurde für den Jugendlichen zu einer einschneidenden Erfahrung: «Mit vierzehn Jahren musste ich das Dorf verlassen, mein Vater nahm eine Stelle in der Stadt an. Aus dem Übersichtlichen, aus den vertrauten Schleichwegen in den Kornfeldern, Tennen und Wäldern, verirrte ich mich ins Unübersichtliche, aus dem es keinen Weg nach aussen mehr gab. Das Labyrinth wurde Wirklichkeit.»

Faust_Dürrenmatt

F.D., Szene aus Faust, 1936–37, Kreide, CDN.

Haus_Dürrenmatt

Das Haus an der Laubeggstrasse 49 in Bern, wo die Familie ab 1942 wohnte und Dürrenmatt ein Mansardenzimmer bezog.

David_Goliat_Dürrenmatt

F.D., E.T.A. Hoffmann, 1936–37, Kreide, CDN / F.D., David und Goliath, 1939, Kohle, CDN.

Stadt_Dürrenmatt

Diese Erfahrungen verarbeitete Dürrenmatt in seiner frühen Erzählung Die Stadt (1950).

Mansarde_Dürrenmatt

Von F.D. farbig ausgemaltes Mansardenzimmer an der Laubeggstrasse 49 in Bern, 1942–43.

Dürrenmatt zeichnet für seine Kinder

In den 1950er Jahren erfand der Familienvater Dürrenmatt mit seinen Kindern abenteuerliche Geschichten: «Wenn es regnete, setzte sich mein Vater an den grossen Tisch, nahm seinen […] Block […], Pinsel und Farben hervor und begann zu malen. Neugierig setzten wir […] uns neben ihn. Während er zeichnete, sprach er mit uns, und wir beteiligten uns an der Geschichte. Wie ein Zauberer zauberte er eine Welt hervor, die nur uns drei Kindern gehörte.» (Ruth Dürrenmatt)

Dschungelgeschichte_Dürrenmatt

F.D., Dschungelgeschichte, ca. 1954, CDN.

Dschungelgeschichte2_Dürrenmatt

F.D., Dschungelgeschichte, ca. 1954, Malkreide, CDN.

Peterli_Dürrenmatt

F.D., Abenteuer von Peterli, Baba und Ruthli, ca. 1954, Gouache, CDN.