Bundesratswahlen: Köpfe und Karrieren

Wie hiessen die ersten sieben Bundesräte? Wann zog der erste Sozialdemokrat in die Regierung? Wer regierte am längsten? Wer starb noch im Amt? Und wie steht es um die Frauen im Bundesrat? Wir haben für Sie aus unserer reichen Sammlung Dokumente herausgesucht, die diese Fragen beantworten. Viel Spass beim Stöbern in der Welt der Bundesräte und –rätinnen!

Die ersten Bundesratswahlen fanden am 16. November 1848 statt

Die Neue Zürcher Zeitung berichtet davon in ihrer Ausgabe vom folgenden Tag: NZZ 28 Jg., Nr. 322 vom 17. November 1848, Seite 4 (= S. 1450)

Artikel_NZZ

– 16. Nov. Bundesversammlung. (Wahlen in den Bundesrath.) National- und Ständerath halten gemeinsame Sitzung. Es wird der Antrag gestellt, die Wahlen in den Bundesrath zu verschieben, da einige Kantone nicht vertreten seien. Dieser Antrag bleibt aber in kleiner Minderheit.

Es wird sodann zu den Wahlen geschritten und es erhalten im ersten Skrutinium Stimmen die HHrn. Furrer 85, Ochsenbein 36, Steiger 2, Neuhaus 2, Näff 1, Dr. Escher 1, Franscini 1, Kern 2, Druey 2.

Gewählt ist somit Hr. Bürgermeister Furrer, der sich jedoch bei der grossen Wichtigkeit der Stelle und bei dem mit derselben unvermeidlich verbundenen Losgerissenwerden aus seinem kantonalen Wirkungskreise Bedenkzeit erbittet. Er hätte vor allem aus gewünscht, dass man die Frage über den Bundessitz zuerst entschieden hätte. Im zweiten Skrutinium fallen 92 Stimmen auf Hrn. Ochsenbein. Neben ihm erhalten 12 Stimmen Hr. Druey, 13 Hr. Neuhaus, etc. etc.  Aus den gleichen Motiven wie Hr. Furrer erbittet sich auch er Bedenkzeit. Im dritten Wahlgang wird der nicht anwesende Herr Staatsrath Druey mit 76  Stimmen gewählt. Die meisten Stimmen erhält neben ihm Hr. Dr. Steiger von Luzern, nämlich 18. Der vierte Wahlgang ergibt kein absolutes Mehr. Die meisten Stimmen mit 37 hat Hr. Munzinger. Die übrigen theilen sich zwischen den HHrn. Dr. Steiger, Franscini, Dr. Kern, Näff und Frei-Herose.

Im fünften Wahlgang wird Hr. Munzinger mit 71 St. zum vierten Mitgliede ernannt. Neben ihm erhielt die meisten Stimmen Hr. Franscini. Im dritten Wahlgange wurde von 132 Votanten mit 68 Stimmen gewählt Hr. Franscini. Neben ihm hatte am meisten Stimmen Hr. Frei-Herose (53), welcher ohne Zweifel gewählt werden wird, so wie Hr. Landammann Näf. (Abgang des Berichtes.)

So eben erfahren wir, dass auch Hr. Oberst Frei-Herose (mit 70 St.) wirklich gewählt ist und dass Hr. Landammann Näf schon neben Hrn. Frei-Herose 52 St. erhalten hatte. Der Bundesrath wird somit aus folgenden Mitgliedern bestehen: Dr. Furrer, Ochsenbein, Druey, Munzinger, Franscini, Frei-Herose und Näf.

Eidgenössischer Bundesrath – Conseil exécutif fédéral

Bundesrat

Quelle: Schweizerische Nationalbibliothek / GS_Eidgenössischer_Bundesrath_1848-1854 Die sieben ersten Bundesräte, gewählt am 16. November 1848: Oben v.l.: Henri Druey, Ulrich Ochsenbein Mitte v. l.: Josef Munzinger, Jonas Furrer, Friedrich Frey-Herosé Vorne v. l.: Stefano Franscini, Wilhelm Matthias Naeff

Der Journalist Rolf Holenstein, Autor einer Biografie des ersten Berner Bundesrats Ulrich Ochsenbein, beschreibt die erstmalige Wahl des Bundesrates als einen Machtpoker im eben erst gewählten und noch nicht vollständig versammelten eidgenössischen Parlament:
Rolf Holenstein, Der Tag, an dem die Schweiz begann, in: Das Magazin Nr. 36 vom 5. September 2009, S. 32-39 (Artikel gratis erhältlich bei info@nb.admin.ch).
Rolf Holenstein, Ochsenbein: Erfinder der modernen Schweiz, Basel: Echtzeit-Verlag 2009. Das Buch ist in der NB vorhanden: Signatur N 297931.
In der in Lausanne erscheinenden Zeitschrift Domaine Public vom 14. Sept. 2009 hat Jean-Daniel Delley eine französische Zusammenfassung von Holensteins Artikel publiziert (Artikel gratis erhältlich bei info@nb.admin.ch).

Die Vertretung der Kantone im Bundesrat

Die Karte zeigt die Anzahl Bundesräte pro Kanton, die seit 1848 gewählt wurden. Von den drei so genannten Urkantonen Uri, Schwyz und Unterwalden war bisher nur Obwalden im Bundesrat vertreten, und zwar in den Jahren 1959 bis 1971.

Karte_Schweiz

Grafik: NB | Datenquelle: https://www.admin.ch/gov/de/start/bundesrat/geschichte-des-bundesrats/bundesraete-und-ihre-wahl/alle-bundesraete-liste.html

Wen vertreten die Parlamentsmitglieder? – Das soziale Profil der Bundesversammlung

Die Dissertation von Andrea Pilotti bietet (auf Französisch) eine Fülle von Grafiken und Tabellen, die zeigen, aus welchen sozialen Gruppen und Klassen das Bundesparlament zusammengesetzt ist:

Andrea Pilotti, Les parlementaires suisses entre démocratisation et professionnalisation (1910–2010). Biographie collective des élus fédéraux et réformes du Parlement helvétique. Thèse de doctorat, Université de Lausanne 2012 (NB-Signatur: Nbq 93156).

Erstes Beispiel Tableau 6.7: Bei den Selbständigerwerbenden fällt die starke Vertretung der Rechtsanwälte während aller Amtszeiten von 1910 bis 1980 auf. Die Anzahl der Angestellten hat kontinuierlich zugenommen, vor allem jene des öffentlichen Sektors wie beispielsweise der Lehrpersonen. Was die Berufspolitiker/-innen betrifft, so gibt es bei den Magistratspersonen eine abnehmende Tendenz, hauptsächlich bei den Mitgliedern von Kantonsregierungen. Unter den Karrierepolitiker/-innen stellten die Berufsparlamentarier/-innen im Jahr 1980 fast ein Drittel, nachdem sie früher noch überhaupt nicht existent gewesen waren.

Zweites Beispiel Tableau 7.4: In dieser Darstellung ist von 1980 bis 2010 eine konstante Zunahme der Anzahl Frauen im Bundesparlament festzustellen, ausser in den Fraktionen der Freisinnig-demokratischen Partei und der Liberalen Partei (Die beiden Parteien haben inzwischen fusioniert). Es geht daraus ebenfalls hervor, dass je weiter rechts eine Fraktion im politischen Spektrum situiert ist, desto weniger Frauen ihr angehören.

Auch die beiden folgenden Standardwerke zur Soziologie des Bundesparlaments sind in der Schweizerischen Nationalbibliothek vorhanden:

  • Die Schweizerische Bundesversammlung 1848–1920 = L’Assemblée fédérale suisse 1848–1920, bearb. von Erich Gruner unter Mitw. von Karl Frei et al., Bern: Francke, 1966 (Helvetica politica. Series A; vol. 1-2 ), 3 Bände: Bd. 1: Biographien = Biographies – Bd. 2: Soziologie und Statistik = Sociologie et statistique – Bd. 3: Synoptische Tabellen = Tableaux synoptiques. NB-Signatur: P 25802/1–2
  • Die Schweizerische Bundesversammlung 1920–1968 = L’Assemblée fédérale suisse 1920­1968, bearb. von Erich Gruner et al., Bern: Francke 1970 (Helvetia politica. Series A; vol. 4), NB-Signatur: P 25802/4

Andreas Heller beschreibt die Karrieren von Politikerinnen und Politikern, die auf unterschiedlichen Wegen den Einzug ins eidgenössische Parlament schafften. Quelle: Andreas Heller, Wege nach Bern. Wie man Volksvertreter wird, in: NZZ Folio, Oktober 1995: Das Volk, NB-Signatur: Pq 22075

Der bekannteste Bundesrat, der als Quereinsteiger ins oberste Exekutivamt gewählt wurde, ist Adolf Ogi. Neben ihm haben weitere Politiker, namentlich aus der SVP, ein Amt anvertraut erhalten, ohne dass sie die übliche Ochsentour absolvieren mussten. Quelle: Ruedi Baumann, Anita Merkt, Das gute Händchen der SVP, in: Tages-Anzeiger 122. Jahrgang, Nr. 54 vom 6. März 2014, Seite 17 (Artikel gratis erhältlich bei info@nb.admin.ch).

Die aktuelle Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga galt 2010 als Favoritin für die Nachfolge des zurücktretenden Bundesrats Moritz Leuenberger. Im Vorfeld dieser Wahl hat Stefan Barmettler analysiert, welche Beziehungen und Machtfaktoren die Chancen der Kandidatin beeinflussten. Quelle: Stefan Barmettler, Machtnetz von Simonetta Sommaruga. Die Tabu-Brecherin, in: Bilanz. Das Schweizer Wirtschaftsmagazin 9.9.2010 (Artikel gratis erhältlich bei info@nb.admin.ch).

PionierInnen unter den Gewählten

Ulrich Ochsenbein wurde als erstes Mitglied des Bundesrats 1854 nicht wiedergewählt. Quelle: Beat Junker, Artikel „Ochsenbein, Ulrich“, www.hls.ch

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Quelle NB / Graphische Sammlung, Signatur: Grafik-Portr-F1_Ochsenbein_johann_Ulrich-1

Ernst Nobs wurde 1943 als erster Sozialdemokrat in den Bundesrat gewählt. Quelle: Markus Bürgi, Artikel „Nobs, Ernst“, www.hls.ch

Ernst Nobs

Quelle NB / Graphische Sammlung, Signatur: GS-FOTO-PORT-NOBS_ERNST-1-fp-8

Elisabeth Kopp wurde 1984 als erste Frau in den Bundesrat gewählt. Quelle: Urs Altermatt, Artikel „Kopp, Elisabeth“, www.hls.ch

Elisabeth Kopp

Quelle NB / Graphische Sammlung, Signatur: GS-FOTO-PORT-KOPP_ELISABETH_B-7-fp-8

Die Wahl von Elisabeth Kopp als erste Frau in den Bundesrat, Sendung Echo der Zeit vom 02.10.1984

Quelle: Sendung Echo der Zeit, SRF

Ruth Dreifuss, die erste Sozialdemokratin und die erste Person jüdischer Herkunft im Bundesrat, war die erste Frau im Bundespräsidium (1999). Quelle: Thomas Schibler, Artikel „Dreifuss, Ruth“, www.hls.ch

Ruth Dreifuss2

Quelle : Schweizerische Nationalbibliothek, Fotografin: Silvia Schneider

Numa Droz, der jünste Bundesrat, war bei seiner Wahl in den Bundesart erst 31-jährig. Quelle: Eric-André Klauser, „Droz, Numa“, www.hls.ch

Numa Droz

Quelle NB / Graphische Sammlung, Signatur: GS-FOTO-PORT-DROZ_NUMA-2-fp-8

Gustave Ador, die älteste in den Bundesrat gewählte Person, war bei seiner Wahl 72-jährig. Quelle: François Walter, Artikel „Ador, Gustave“, www.hls.ch

Gustave Ador

Quelle : Wikimedia Commons

Carl Schenk, der Bundesrat mit der längsten Amtsdauer, bekleidete sein Amt während 31 Jahren und 7 Monaten. Quelle: Christoph Zürcher, Artikel „Schenk, Carl“, www.hls.ch

Carl Schenk

Quelle NB / Graphische Sammlung, Signatur: GS-FOTO-PORT_SCHENK_KARL-7-fp-8

Louis Perrier, der Bundesrat mit der kürzesten Amtsdauer, bekleidete sein Amt während 1 Jahr und 2 Monaten. Quelle: Jean-Pierre Jelmini, Artikel „Perrier, Louis“, www.hls.ch

Louis Perrier

Quelle NB / Graphische Sammlung, Signatur: GS-FOTO-PORT-PERRIER_LOUIS-1-fp-8

Josef Zemp, ein Katholisch-Konservativer aus dem Kanton Luzern, wurde 1891 als erster Nicht-Radikaler in den Bundesrat gewählt.
Quelle: Urs Altermatt, Artikel „Zemp, Josef“, www.hls.ch
Die CVP Luzern, die Nachfolgerin der Katholisch-Konservativen in Zemps Heimatkanton, gedachte ihres Bundesrats an einer Gedenkfeier. Die dabei gehaltene publizierte Rede (NB-Signatur Nbq 17084) kann nach Hause ausgeliehen werden.

Josef Zemp

Quelle NB / Graphische Sammlung, Signatur: GS_Bundesrath_1893_Ausschnitt_Zemp

Ein gefährliches Amt? 19 von 109 Bundesräte starben während ihrer Amtszeit

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Grafik: NB | Datenquelle: Bundesräte und ihre Wahl seit 1848 (online: https://www.admin.ch/gov/de/start/bundesrat/geschichte-des-bundesrats/bundesraete-und-ihre-wahl.html)

Erstmals eine weibliche Mehrheit im Bundesrat

Mit der Wahl von Simonetta Sommaruga in den Bundesrat am 22. September 2010 waren in der Landesregierung erstmals die Frauen in der Mehrheit.
Die Boulevardzeitung Blick hat diesen Sachverhalt am 23. September 2010 gross aufgemacht (Artikel gratis erhältlich bei info@nb.admin.ch).

Karikaturen zur Nicht-Wahl von Christiane Brunner in den Bundesrat

Zwei von zahlreichen Karikaturen zur Nicht-Wahl von Christiane Brunner im Jahr 1993:

Reponse aux anonymes

Reponse aux anonymes, Zeichnung von Barrigue (Thierry de Barrigue de Montvallon), in : Le Matin vom 10.2.1993

siegerundverlierer2

Sieger(innen) und Verlierer, Zeichnung von Jüsp (Jürg Spahr), in: Wir Brückenbauer Nr. 11 vom 17. März 1993, Seite 2.

Die beiden Karikaturen stammen aus der umfangreichen Sammlung von Franz Bächtiger, die sich in der Burgerbibliothek Bern befindet. Franz Bächtiger war Konservator am Historischen Museum in Bern und baute dort die erste Sammlung zur Alltagskultur des 20. Jahrhunderts auf.

Sein Interesse für die politische und soziale Entwicklung der jüngsten Vergangenheit äussert sich auch in seiner grossen Kennerschaft und Sammelleidenschaft von politischen Karikaturen.

Link zum Inventar: http://katalog.burgerbib.ch/detail.aspx?ID=121897

Der Bundesrat im „Nebelspalter“

caricature nebelspalter

‘s gaht eine um, dä möcht‘ gern rüttle an allem, was ihm nüd tuet g’falle. Joggeli möcht‘ gern Birrli schüttle Und d’Birrli wänd nüd falle! Quelle: Ein schwieriger Fall, Zeichnung von F[ritz] Boskovits, in: «Der Nebelspalter», 45. Jg., Nr. 40 vom 4. Oktober 1919 (NB-Signatur: P 17319).

Fritz Boscovits war der Sohn des Zeichners Johann Friedrich Boscovits, der 1875 zusammen mit Jean Nötzli die Satirezeitschrift Der Nebelspalter mitbegründet und täglich für diese gezeichnet hatte.
Thomas Kain erinnert an den Maler und Zeichner Fritz Boscovits in seinem Beitrag zum 50. Todestag des Zürcher Kunstmalers: Thomas Kain (Rez.), Ein vergessener Prominenter der Zürcher Kunstszene, in: NZZ 236. Jg., Nr. 140 vom 20. Juni 2015, Seite 21 (Rez. von: Thomas Kain, Regula Schmid (Hg.), Fritz Boscovits (1871–1965) – Ölgemälde, Zürich: Verlag fine art publishing 2015 (Artikel gratis erhältlich bei info@nb.admin.ch).

„Unsere Bundesräte“

caricature GS

Karikatur, ca. Anfang 1908 (Quelle: NB / Graphische Sammlung), von links nach rechts: Ernst Brenner, Politisches Departement; Eduard Müller, Militärdepartement; Robert Comtesse, Finanz- und Zolldepartement, hier mit den Insignien der Justiz; Josef Zemp, Post- und Eisenbahndepartement; Marc-Emile Ruchet, Departement des Innern; Anton Deucher, Handels-, Industrie- und Landwirtschaftsdepartement; Ludwig Forrer, Justiz- und Polizeidepartement, hier mit den Insignien des Finanzministers